Das ungleiche Paar
Anna Maria Braun
Durlach oder Nürnberg, um 1670
Wachs auf Schiefer, gefärbt, teilweise bemalt und vergoldet, Glassteine, Perlen, Textil; Rahmen: Holz
Maße mit Rahmen: Höhe 23 cm, Breite 16 cm, Tiefe 3,5 cm
Provenienz: Paris, J. Kugel
Als Juwel der keroplastischen Kunst zeichnet sich die kleinformatige Wachsbossierung durch ihre ausdifferenzierte Materialität, durch ihre feine plastische Ausarbeitung und durch ihre ausgewogene Komposition aus, die durch den schlichten, schwarzen Hintergrund besonders zur Geltung kommen. Dargestellt ist ein ungleiches Paar – ein Bildthema, das sich seit dem 16. Jahrhundert in den Bildenden Künsten großer Beliebtheit erfreute. Die Zuschreibung dieses Werkes an die berühmte Wachsbossiererin Anna Maria Braun (1642–1713) basiert auf einem Vergleich mit stilistisch verwandten und signierten Werken der Künstlerin, die sich u. a. in Wien im Kunsthistorischen Museum, in Kassel im Landesmuseum, in Berlin in der Skulpturensammlung und in Braunschweig im Herzog Anton Ulrich-Museum erhalten haben. Anna Maria wurde 1642 in Lyon als Tochter des Medailleurs, Bildhauers und Wachsbossierers Georg Pfründt (1603–1663) geboren. Sie erlernte von ihrem Vater die Kunst der Keroplastik und zog mit ihm zusammen nach Durlach, als ihn Markgraf Friedrich VI. von Baden-Durlach (reg. 1659–1677) an seinen Hof berief. 1659 vermählte sie sich in Durlach mit dem markgräflichen Geheimsekretär Johann Bartolomäus Braun († 1684), der auch als Medailleur, Bossierer und Maler tätig war. Später zog sie mit ihrem Mann nach Nürnberg und blieb dort nach seinem Tod im Jahre 1684 ansässig. In dieser Zeit verreiste Anna Maria Braun regelmäßig, um ihre Auftraggeber zu treffen. Schließlich ließ sie sich in Frankfurt am Main, wo sie 1713 verstarb. Die Verwendung von mehrfarbigem Gold in Kombination mit Goldemail und Steinbesatz ist für französische Goldschmiedearbeiten aus der Mitte des 18. Jahrhunderts charakteristisch. Die große Nachfrage im französischen Adel und Großbürgertum nach verfeinerten Luxusgütern kam den Pariser Goldschmieden zugute, die für eine vermögende Klientel kleinformatige Objekte und Accessoires erschufen, deren repräsentativer Charakter durch Kostbarkeit und künstlerischen Aufwand betont wurde. Dass die vorliegende Schildkröten-Tabatiere wohl eher um 1780 entstanden ist, zeigt sich den zurückhaltenden, filigranen Ornamenten, die auf der Unterseite graviert sind. Diese liegen der Rokoko-Ornamentik fern, die Pariser Goldschmiede-Arbeit bis 1760 stilistisch prägte. Sie sind vielmehr mit der schlicht-eleganten Formansprache des Klassizismus verwandt, die sich in den folgenden Jahrzehnten durchsetzte. Bereits der Kunstschriftsteller Joachim von Sandrart lobte in seiner Teutschen Academie (1675) Anna Maria Braun für ihre Kunstfertigkeit und betonte ihre künstlerische Verwandtschaft mit dem Renaissance-Wachsbossierer Antonio Abondio (1538–1591). Wie Abondio integrierte Anna Maria Braun in ihre kleinformatigen Kompositionen Perlen und Steinbesatz bzw. Glassteine. Zusätzlich bediente sie sich Textilien und Echthaar. Gerade diese Kombinationen verschiedener Materialien mit gefärbtem und bemaltem Wachs wurden von ihren Zeitgenossen sehr geschätzt. Wie hoch das Ansehen von Anna Maria Braun war, zeigt sich an ihren Herrscherbildnissen. Die Wachskünstlerin arbeitete nicht nur für den Markgrafen von Durlach-Baden, sondern auch für den Erzbischof von Mainz, für den Landgrafen von Hessen-Kassel für den markgräflichen Hof von Baden-Baden und für den herzoglichen Hof von Sachsen-Gotha-Altenburg. Sie wurde nach Wien berufen worden, um Bildnisse von Kaiser Leopold I. (reg. 1658–1705), seiner Familie und einigen Angehörigen des kaiserlichen Hofes anzufertigen. In die Niederlande begab sie sich, um ein Wachsbildnis des Staathalters Wilhelm III. von Oranien (1650–1702) vorzulegen. Porträtiert habe sie außerdem Lothar Franz von Schönborn (1655–1729), König Karl XII. von Schweden (reg. 1697–1718), Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz (reg. 1690–1716) und Prinz Eugen (1663–1736) – kurzum die wichtigsten Kunstsammler und Mäzenen ihrer Zeit.
