Wachsbüste aus Behrendts Panoptikum
mit Darstellung einer Japanerin aus der Edo-Periode
Richard Kotschi (1854–1908)
Leipzig, 1886
Wachs, gefärbt und teilweise bemalt, Echthaare, Glasaugen, Papier, Silberkamm, Stoff; originaler Schaukasten: Holz, Glas Inventaraufkleber „515 Japanerin“
Höhe 43 cm, Breite 30 cm, Tiefe 30 cm
Provenienz: um 1886 bis 2010, Behrendst Panoptikum und Erben, Herford (Nordrhein-Westfalen)
Publiziert in: Laue, G.: The Beauty of Mankind. Wax From the Renaissance Kunstkammer to the modern Panopticon, München 2026, Kat. Nr. 22
Von den neun weiteren „Völkerbüsten“, die der Leipziger Wachsbildner Richard Kotschi 1886 für Behrendts Panoptikum geschaffen hat, unterscheidet sich die vorliegende Büste einer Japanerin durch die elaborierte Frisur mit einem Silberkamm und Ornamenten aus gedrucktem und gefaltetem Papier. Bei den hochgesteckten Haarbündeln am Hinterkopf und am Scheitel handelt es sich um eine vereinfachte Variante der vielfältigen Frisuren der Edo-Periode (1603–1867). In dieser Epoche, die zuweilen als „Goldenes Zeitalter der Haartrachten“ bezeichnet wird, galten lange glatte Haare, die zu komplexen Frisuren hochgesteckt wurden, als wesentlicher Bestandteil des weiblichen Schönheitsideals. Zugleich symbolisierten die elaborierten Frisuren sozialen Status und Wohlstand. Auch der traditionelle Haarschmuck, die sogenannten „Kanzashi“, die hier mit dem Kamm und den Papierornamenten nachgeahmt werden, deutet ja nach Materialien und Tragweise gewöhnlich auf den sozialen Status der Trägerin hin. Somit steht die elaborierte Frisur der dargestellten Japanerin als pars pro toto für die kulturellen Errungenschaften und hochentwickelten sozialen Praktiken, für die Japan seit der Renaissance schon in Europa bewundert wurde. Tatsächlich nimmt Ostasien in der Frühen Neuzeit eine besondere Stellung in der europäischen Wahrnehmung der Fremde. Das zeigt sich insbesondere an den Objekten asiatischer Herkunft, die europäische Sammler im 16.-18. Jahrhundert in ihren Kunst- und Wunderkammern zusammentrugen: Kalligraphische Stücke, Zubehör für das Teezeremoniell, Lackarbeiten und Porzellan zeugen von der hohen Wertschätzung künstlerischer Leistungen und kultureller Errungenschaften, für die insbesondere Japan und China standen. Um die Wende zum 20. Jahrhundert gehörte die japanische Frau zum unverzichtbaren Bestandteil der „Völker-Gallerie“, die in den meisten Panoptiken dargeboten wurde. So fand sich auch im Internationalen-Handelspanoptikum in München eine vergleichbare Wachsarbeit, die im Panoptikum-Führer von 1895 als „vornehme Japanerin“ beschrieben wird. Diese Wachsbüsten spiegelten den bewundernden Blick auf die ästhetischen Ansprüche wider, die das Erscheinungsbild japanischer Frauen in der Edo-Zeit prägten. Der Fokus auf die Haare ist umso bedeutender, als mit dem Anbruch der Meiji-Periode ab 1868 eine Hinwendung zu westlichen Standards einsetzte, die sich auch auf die Frisuren auswirkten: Kurze Haare wurden zum Symbol des modernen, westlich geprägten Zeitalters. Aufwendige Haartrachten wurden hingegen mehr denn je mit den Traditionen und Idealen des alten Japans assoziiert.
