Die Flucht nach Ägypten
Nikolaus Engelbert Cetto (1713-1746), signiert
Tittmoning bei Salzburg, um 1740
Wachs, mit Bleiweiß gebleicht und mit verschiedenen Hilfsmitteln (Tierhaaren, Draht, Zweigen, Fischgräten und Marienglas) gestaltet, auf Glasplatte, mit schwarzem Wachs grundiert; originaler Schaukasten: Holz, Glas; originaler Rahmen: Holz, vergoldet Monogramm „NEC“ unten links
Höhe 14 cm, Breite 16 cm, Tiefe 3,5 cm
Provenienz: Deutschland, Privatsammlung)
Publiziert in: Laue, G.: The Beauty of Mankind. Wax From the Renaissance Kunstkammer to the modern Panopticon, München 2026, Kat. Nr. 10
Die äußerst kleine Wachsbossierung, die sich in ihrem originalen, vergoldeten Rahmen erhalten hat, ist charakteristisch für das Œuvre der Wachsbossierer-Familie Cetto, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Tittmoning im Fürsterzbistum Salzburg wirkte. Das Monogramm NEC in der unteren, linken Ecke belegt, dass es sich um ein Werk von Nikolaus Engelbert Cetto (1713-1746) handelt. Zusammen mit seinem Vater Johann Baptist Cetto (1671¬¬–1738) spezialisierte sich Nikolaus Engelbert im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts auf Mikro-Wachsbossierungen in Elfenbeinfarbe, bei denen er u. a. mit Hilfe von Naturmaterialien wie Zweigen, Fischgräten und Schweineborsten winzige, dreidimensionale Bildelemente in einer stark gestaffelten Landschaft mit Architekturszenerien inszenierte. Die Meisterschaft des Wachsbossierers kommt in dieser äußerst filigranen Mikroskulptur deutlich zum Ausdruck. In einer pyramidalen Komposition stellte er die Flucht nach Ägypten dar. Während im Hintergrund Bethlehem als Stadt auf einem Berg zu erkennen ist, ist in der Mitte des Bildes Maria mit dem Kind auf dem Esel zu sehen. Daneben steht der Heilige Joseph mit einem Hirtenstab in der Hand. Er wendet sich gerade einer Figur auf einer Treppe zu: Hierbei handelt es sich wohl um den Engel, der ihn vor Herodes warnt und zur Flucht animiert. Als Zeichen der göttlichen Präsenz setzte der Künstler einen Lichtstrahl aus Marienglas über dem heiligen Paar am Himmel. Wie bei allen Kompositionen der Cettos sind auf engstem Raum zahlreiche Figuren und Tiere in einer scheinbar weitläufigen Landschaft dargestellt. Typisch für Nikolaus Engelbert ist insbesondere die Balustertreppe im Vordergrund rechts, die wie Spitze anmutet. Tatsächlich ist sie mittels Seidenfäden gestaltet, die in Wachs getränkt wurden. Nikolaus Engelbert und Johann Baptist fanden für ihre exquisiten Wachsbossierungen einen breiten Kreis von Abnehmern im süddeutschen Raum. Weltweit lassen sich über 200 Mikrobossierungen von Cetto, Vater und Sohn, in öffentlichem und privatem Besitz nachweisen. Davon gehören allein 126 der Erzabtei St. Peter in Salzburg. Ausschlagend für die Entstehung dieser Cetto-Sammlung war die Sammelleidenschaft des Abtes Dominikus Hagenauer (1746–1811), der die beiden Salzburger Künstler in Ehren hielt und vier Jahrzehnte nach deren Tod möglichst viele Werke aus ihrer Hand zur Bereicherung der Stiftsammlungen zusammentrug. In der Erzabtei St. Peter lassen sich dementsprechend zwei weitere Wachsbossierungen mit Darstellung der Flucht nach Ägypten nachweisen: Eine ist mit dem Monogramm IBC ist als Werk von Johann Baptist Cetto gekennzeichnet, die andere, ohne Monogramm, ist entweder dem Vater oder dem Sohn zuzuschreiben.
